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Michelinstars und ihre Tagesverfassung…

Das „La Ciau del Tornavento“ in Treiso ist unbestritten eines der besten Restaurants im Piemont. Der Keller mit rund 50.000 (!) Weinflaschen aus aller Herren Länder ist eine Legende; nicht umsonst wurde die Küche vor vielen Jahren mit einem Michelinstern bewertet.

Entsprechend groß war unsere Vorfreude beim Betreten des Lokals. Dass wir trotz Klingeln einige Minuten vor der Eingangstür warten mussten, war wohl ein schlechtes Omen, wurde von uns aber nicht als solches gewertet. Auch nicht, als die Dame, die uns Einlass gewährte, mit unserer Reservierung nicht viel anzufangen wusste.

Sei es drum, wir freuten uns auf die hoch gerühmte Küche. Zum Start des Abends bestellten wir einen Klassiker – Carne Cruda, gemeinsam mit einem Rindercarpaccio serviert. Dieses Gericht wird nirgendwo besser und authentischer zubereitet als im Piemont. Die Köche verwenden dafür ein ausgezeichnetes Stück Rindfleisch, meist von der Hüfte des Tieres. Aber nicht jedes Tier ist dafür geeignet: es muss schon eine „Färse“ sein – also ein Muttertier, das noch nie gekalbt hat. Dessen Fleisch wird für das Carne Cruda dann von Hand klein geschnitten, mit bestem, kalt gepresstem Olivenöl gewürzt, etwas Salz und Pfeffer sowie ein Spritzer Zitronensaft dazu, vielleicht noch ein Hauch Dijonsenf untergemischt – fertig ist das herrliche Gericht.

Im ‚Tornavento’ wurde das Carpaccio nun auf dem Teller in einem mathematisch exakten Quadrat ausgelegt, außen durch ein weiteres Saucen-Viereck garnierten. Im Zentrum der Quadrate, in Form eines kleinen, gut zwei Zentimeter hohen Zylinders befand sich das Carne Cruda. Eine Augenweide. Wider Erwarten war das Fleisch jedoch von Sehnen durchzogen, wenn auch geschmacklich in gewohnter Manier archaisch.

Als nächstes folgte ein Risotto. Dessen Reis stammte von den berühmten Feldern, die sich über viele Quadratkilometer hin erstrecken, wenn man im Piemont der Autobahn von Varese nach Alessandria folgt. Diese Reisfelder werden völlig natürlich, also ohne mechanische Pumpen und nur durch natürliches Gefälle und unterschiedliche Höhen der Felder bewässert. Wenn diese Flächen im späten Frühjahr unter Wasser stehen scheint es, als ob man an einem See vorbeifahre. Die Reissorte nennt sich übrigens Canaroli und schmeckt vorzüglich.

Doch zurück zum Gericht. Der Risotto war mit Kastanien, Speck und Rosmarin aromatisiert, was in unseren Ohren viel versprechend klang. Doch leider - er wurde mit einem satten Pelz bedeckt serviert. Pelz ist etwas, das ich gar nicht mag. Schon gar nicht an einem solchen Ort!

Nun gut, Enttäuschung hin oder her, der Hauptgang stand ja noch aus. Wir beschlossen, unsere bereits abgekühlte Vorfreude zu konservieren. Leider umsonst, wie sich herausstellte. Es folgte für mich ein „Capretto al Forno“ – ein uraltes Rezept und normalerweise ein wahrer Klassiker der piemontesischen Küche, ein im Ofen gegartes Milchkitzlein. Meine Frau freute sich auf das bestellte würzige Rehragout mit Polentabeilage.

Nomen es omen - „Capriolo“ ist die italienische Bezeichnung für Reh, und heftige Kapriolen der Küche des ‚Tornavento’ sollten leider folgen. Während mein Kitz zwar genießbar, doch völlig lieblos gewürzt und vollkommen langweilig war, konnte man dies vom armen Rehlein auf dem Teller meiner Frau ‚leider’ nicht behaupten – das arme Ding war zu Tode geschmort worden. Ergebnis: das Fleisch trocken wie ein Karton, die Polenta matschig und – Überraschung - wieder alles mit Pelz besetzt! Da war es nur ein kleiner Trost, dass wir das reklamierte Rehragout dann nicht auf unserer Rechnung vorfanden.

Mi dispiace, Senior Maurillio, aber das war leider äußerst unbefriedigend und viel zu wenig für ihr berühmtes und hoch dekoriertes Haus! Ich hoffe, dass es nur ein Ausrutscher war und bei unserem nächsten Besuch uns dann alle Gerichte so munden werden, wie die abschließende Variation von sieben unterschiedlichen Sorbets, die im Übrigen köstlich waren.

Dennoch: leider konnte uns dies nur zu einem kleinen Teil über unseren Abend im Piemont hinweg trösten; einen Abend, den wir mit schlechten Essen verloren hatten!

La Ciau del Tornavento, Piazza Baracco 7, 12050 Treiso (Cuneo), +39-0173-638333 , www.laciaudeltornavento.it