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Der Gupf im Rehetobel

Manchmal beginnt ein Restaurant bei großem Zulauf einen eigenartigen Weg einzuschlagen. So (leider) auch der Gupf vor einigen Jahren: Das Preis-Leistungs-Verhältnis, kurz PLV, geriet immer mehr in Schieflage. Nicht etwa wegen der Leistung! Nein. Gut hat man immer schon gespeist, im Gupf. Der Weinkeller ist Legende und die Lage und das Ambiente gehören zum Schönsten, was der Bodenseeraum zu bieten hat! Keine Frage.

Leider hatte sich aber im Laufe der Zeit der Preis für diese Leistung immer weiter und ungebremst nach oben geschraubt und dann irgendwann ein Niveau erreicht, bei dem das PLV nicht mehr ausgewogen war. Worauf ich – obwohl meine preisliche Schmerzgrenze relativ tolerant ausgebaut ist – dann irgendwie nicht mehr im Gupf landete. Da gab es keinen bewussten Entscheid dafür, nein, solche Dinge passieren wohl eher unterbewusst. Und da sich Walter Klose zwischenzeitlich auch noch eine Auszeit genommen hatte, schien meine Absenz auch nicht zu tragisch zu sein.

Im vergangenen Advent, kurz vor Weihnachten, war es dann endlich wieder einmal soweit. Aufmerksam geworden war ich durch ein Gespräch mit einer guten Bekannten in Wien, die voll Enthusiasmus von einem tollen Besuch im Gupf schwärmte.

Die Reservierung wurde von Frau Manuela in sehr angenehmer Professionalität erledigt: „Ja, Herr Narikum, wir haben noch einen Tisch frei. Der steht direkt am Cheminée (offenen Kamin für nicht schweizerdeutsch sprechende Menschen), vor der Türe in den Weinkeller – Sie wissen ja wo. Konnte sich die Dame tatsächlich noch an mich erinnern? Wohl kaum. Nach so langer Zeit. Nein. Aber sehr professionell gemacht, weil es höchst persönlich wirkte. Ein sehr viel versprechender Start.

Die Anreise und die erste Sicht auf das alte Bauernhaus sind ein Erlebnis. 1083 Meter über dem Meer, mit freier Sicht auf den Bodensee. Im Advent ist das Haus beinahe kitschig schön beleuchtet. Vor dem Eingang stand ein Weihnachtsmann, neben einem offenen Feuer, und offerierte uns einen – natürlich – hausgemachten und sehr wohl schmeckenden Punsch. Der Tisch, wie reserviert, seitlich des offenen Feuers. Sehr stimmungsvoll.

Wir entschieden uns schnell für das Schlemmermenü des Abends. Ein viergängiges Menü mit der Wahl zwischen Walter Kloses legendärem Ofen Spanferkel und einem sehr interessant klingenden Rehrückenfilet mit Lebkuchenkruste. Ich war froh, dass ich mich diesbezüglich schnell mit meiner Frau auf „Sowohl als auch“ einigte: Sie das Schwein, ich das Reh.

Sobald der Aperitif serviert war, trat ein sehr gepflegter junger Mann an unseren Tisch, stellte sich als zuständig für die Weine vor und lud ein, gemeinsam mit ihm den Weinkeller des Hauses zu inspizieren. In diesem Weinkeller, man sagt, der größte private Weinkeller im deutschsprachigen Mitteleuropa, befinden sich 1.000 Positionen aus aller Welt, insgesamt 25.000 Flaschen. Inklusive einer Sammlung Chateau Mouton-Rothschild, die lückenlos alle Jahrgänge von 1940 bis heute umfasst. Besonders imponierend war der für uns neue Grossflaschenkeller. Einfach sehenswert! Umwerfend.

Der junge, sehr sympathische Herr stammt aus der Wachau und heißt Christian Hahn. Dort muss er das „Wein-Gen“ vermutlich schon mit der Muttermilch aufgenommen haben! Noch so jung und doch schon so eloquent, so wissend und bewandert, und dazu auch noch sehr angenehm zurückhaltend und bescheiden – da bahnt sich ein ganz großer Kenner an!

Bewaffnet mit einem Bordeaux aus dem Pauilliac, Chateau Pontet Canet 1996, traten wir nach einer guten halben Stunde den Weg zurück an den Tisch an.

Was da nun auf uns zu kam war eine reine Freude. Das Tartar vom Kalbsfilet mit Wachtelspiegel-ei war archaisch gut. Die Ginotti mit Scampi und Kürbis waren, wie sie sein müssen, wenn sie gut sind. Dann der Hauptgang: Das Schwein – ein Traum. Diese Kruste (noch im Rohzustand mit Honig eingeschmiert?), diese Saftigkeit des Fleisches – nirgendwo so gut wie bei Walter Klose im Gupf. Allein dieses Schwein ist schon einen Besuch wert.

Beinahe bereute ich schon mich nicht auch für das Schwein entschieden zu haben – aber nur beinahe. Der Geschmack des Rehrückenfilets harmonierte mit der Lebkuchenkruste auf unnachahmliche Weise – eine unglaubliche vorweihnachtliche Explosion meiner Geschmacksnerven im Mund. Toll. Begeisternd.

Der Nachtisch – gediegen. Ich entschied mich für den Käse vom Wagen. Eine außerordentlich große Auswahl an Käsen. Sehr fachkundig präsentiert. Erfreulich, wiederum von unserem jungen Freund aus dem Keller! Herr Hahn war an diesem Abend angenehm omni präsent!

Fazit: Ein sehr gelungener Abend. Das Gupf hat den Michelin Stern genau so verdient wie die 16 Punkte im Gault Millau. Nach wie vor nicht ganz billig, aber das PLV ist Gott sei Dank nun wieder ausgeglichen. Sfr 99,- für einen sehr guten und wohl proportionierten „Viergänger“ ist teuer, war aber bei dieser Performance den Preis wert.......

Prüfen Sie dies doch am besten selbst nach (Gasthaus zum Gupf, CH – 9038 Rehetobel, Tel. +41 (0) 877 11 10; www.gupf.ch; Geöffnet Mittwoch – Sonntag)

meint Ihr
Kuli Narikum