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Über die Lagerfähigkeit von Weinen

Jeder Wein unterliegt, so wie wir Menschen auch, einem natürlichen Alterungsprozess. Während dieses Prozesses durchleben die Weine verschiedene Phasen, sogenannte Fruchtphasen. Damit verläuft die Entwicklung eines Weines nicht linear (technisch), sondern völlig natürlich mit Höhen und Tiefen, die man niemals genau vorhersagen kann. Mit zunehmendem Alter des Weines laufen diese Fruchtphasen dann aus und der Wein beginnt sich zu beruhigen und zu altern.

Ich kann mich noch sehr gut an ein diesbezügliches Erlebnis aus den frühen 90er Jahren erinnern. Einer der schönsten Mouton Rothschilds dieses Jahrhunderts, der 1986er, war damals in einer betörenden Fruchtphase. Man konnte sich nicht satt riechen an der Opulenz dieses Weines. Ein Traum in Rot! Später dann, so gegen 1992/93, las ich in unterschiedlichsten Weinmagazinen, dass sich der 86er Mouton gerade in einer extremen Phase der Verschlossenheit befinde. Man soll ihn im Moment keinesfalls anrühren, es sei unendlich schade, ihn gerade jetzt zu trinken. Obwohl es mich durchaus reizte, diese „Phase der Verschlossenheit“ selbst zu erleben, beherrschte ich mich eine meiner eigenen Flaschen zu öffnen und befolgte den Rat der Experten. Ich hatte dann einige Zeit später das Glück bei einem lieben und sehr großzügigen Weinfreund eingeladen zu sein, der offensichtlich in Sachen Wein weniger belesen war als ich. Denn tatsächlich mischte er in seine „Halbblindverköstigung“ einen 86er Mouton! Es war schier unglaublich, wie recht die Fachzeitschriften hatten! Der Wein war um Lichtjahre von seiner Form der frühen 90er Jahre entfernt, keiner der anwesenden Weinfreunde wollte glauben, dass es sich hier um einen Mouton handelte, schon gar nicht um die „86er Legende“. Der Wein ließ nicht in Ansätzen sein Potential erkennen, das er Jahre später dann mit großer Wucht offenbaren sollte!

Zurück zur Ausgangsfrage: Wie lange soll man einen guten Wein lagern? Tendenziell neigen die modern ausgebauten Weine zu einer frühen Trinkreife! Dies scheint ein Tribut der Weinbauern an unsere hektische Welt sein, denn im Geschwindigkeitsrausch der „Klammeraffengeneration“ hat scheinbar niemand mehr die Geduld jahrelang auf die Trinkreife einer guten Flasche Wein zu warten. So sind heutzutage selbst viele Barolos schon sehr jung antrinkbar.

In Österreich erleben wir bei den Rotweinen eine sehr angenehme Entwicklung: Mit der enormen Steigerung der Qualität in den letzten Jahren steigt auch die Lagerfähigkeit der Weine, begünstigt durch die sehr guten Ernten.Wir finden inzwischen sogar Zweigeltweine auf dem Markt, zum Beispiel den 1999er Olivin von Winkler-Hermaden, dem eine optimale Trinkreife von 2005 – 2012 vorhergesagt wird!

Die Trinkreife eines Weines orientiert sich vorwiegend am Geschmack des Eigentümers. Deshalb gibt es auch keine verbindliche Aussage zur eingangs gestellten Frage, denn der Geschmack ist immer individuell: Manch einer liebt die sehr jungen, fruchtigen Weine, ein anderer „stirbt“ für alte Weine, der eine liebt das Tannin, den anderen stört es!

Ich persönlich trinke die Weine lieber zu jung als zu alt! Nichts stört mich in Bezug auf Weine mehr als zu erkennen, dass der Wein, den ich gerade geöffnet habe, mir früher besser geschmeckt hat! Am meisten Spaß macht es, Weine im Verlauf Ihrer Entwicklung begleiten zu können, sie in den unterschiedlichen Phasen anzutrinken und so, für sich ganz persönlich, den Höhepunkt eines Weines zu ermitteln. Deshalb mein Tipp: Kaufen Sie doch lieber ein paar Flaschen mehr vom selben Wein,

meint Ihr Kuli Narikum